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  • Wer oder was ist der Katechon?
  • Was "weiß" man über den Antichrist?
  • Warum benutzen wir die christliche Zeitrechnung?

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(wird fortgesetzt)

Antichrist

(Mysterium Iniquitatis)

Hier ist eine kurze Einführung vonnöten. Die Hauptquelle der Antichrist-Überlieferung ist die Heilige Schrift, vor allem das Buch Daniel, die Apokalypse des Johannes und der 2. Thessalonicherbrief. Hieraus hat sich in frühchristlicher Zeit ein zunächst noch sehr vages, uneinheitliches Antichrist-Bild entwickelt, das sich dann in der Kirchenväter-Tradition fortsetzte, durch das Dunkel der Zeit, noch bereichert durch heidnische Weissagungen der Sibyllen, bis endlich am Ende des 10. Jahrhunderts, als die Todeszeichen an der alternden Welt sich zu zeigen schienen (die möglichen Weltuntergangstermine sollten sich nun häufen: 1000, 1033, 1065[1]) eine Schrift des Adso von Montier-en-Der (992), De ortu et tempore Antichristi, erscheint, eine Art Vita des Antichrist, in der sich plötzlich alles wie in einem Brennspiegel zu einem scharfen Bild bündelt. Das Werk ist nicht nur in der Gelehrtenwelt breit rezipiert worden, es ist Teil einer gleichsam populärkirchlichen Antichrist-Lehre geworden[2] – auch wenn nie etwas davon kirchlich kanonisiert wurde. Es folgt eine Zusammenfassung dessen, was in diesem Sinne als „sicher“ gilt:

1) Der Antichrist steht in enger Beziehung mit dem Satan. Genauer: der Satan, der böse Engel Belial, das ist der Drache, die alte Schlange[3], ist irgendwie an der Zeugung des Antichrist beteiligt (Satan selbst gilt als unfruchtbar[4]). Der Antichrist kommt am Ende der Zeit, denn „was im Uranfang geschehen ist, wird sich in der Endzeit wiederholen.“[5] Bis dahin ist er „der Gebundene“ wie die „gefesselte Schlange“ aus Offb 20,2. Das ist wieder ein sehr altes Bild: das vom gefesselten, in Ketten gelegten (bzw. hinter starken Türen verwahrten, an eine Säule geschmiedeten[6]) Unhold. Dem Antichrist als dem „Menschen der Gesetzlosigkeit“ entspricht daher der Katechon als der geheime Aufhalter (2 Thess 2,6-7).

2) Er wird geboren zu Babylon aus dem Stamme Dan. Der Name ‚Dan’ fehlt nämlich in der Aufzählung der Zwölf Stämme Israels in Offb 7. Babylon ist die große Hure, „meretrix Babylonica“ (es heißt: „in der Sünde empfangen und geboren“).[7]

3) Er ist wie Satan in allem Nachäffer Christi, „perversus Antichristus atque dyabolus“: „Ein Löwe ist Christus und ein Löwe der Antichrist, König ist Christus und König der Antichrist ... in Gestalt eines Menschen erschien der Heiland, auch er wird in Gestalt eines Menschen kommen.“ (Hippolyt, c. 6). Etwa lebt er bis zum 30. Lebensjahr inkognito (in Bethsaida oder Chorazin).

4) Zwei Zeugen, Henoch und Elija, werden am Ende der Zeiten auftreten, und sie werden vom Antichrist getötet werden. Diese sind nämlich als einzige Menschen nicht gestorben laut der Schrift, sondern entrückt worden (Gen 5,24; 2 Kön 2). Man folgert daraus, dass sie noch einmal wiederkehren müssen, um zu sterben.

5) Nachdem es zum „Großen Abfall“ (discessio, 2 Thess 2,3) gekommen ist, beginnt die 3½-jährige Herrschaft des Antichrist. Der Verführer der Menschheit gewinnt seine Opfer, allen voran Könige und Fürsten, durch Geschenke und Weisheit – er besitzt die Schätze der Welt und ist in allen Wissenschaften zuhause –, tut Lügenwunder wie Simon Magus und setzt sich schließlich in den Tempel Gottes (Tempelschändung). Seine Anhänger bekommen Zeichen auf Stirn und rechte Hand, „einen feurigen Schein“: die Zahl des Tieres 666.

6) Das Ende des Antichrist ist die Wiederkunft Christi („2. Advent“[8]). Christus wird ihn „durch den Hauch seines Mundes töten“. Es heißt auch, dass dies durch den Erzengel Michael auf dem Ölberg geschehen soll, in dem Augenblick, als der Antichrist die Himmelfahrt Christi nachahmen will („He wil up zo hemel varen und damit sin maiestait offenbaren.“). Danach folgt eine 45-tägige Bußzeit (Dan 12,11-12).

Was bleibt vom Antichrist? Die wilde Zeit von Inquisition und Ketzerriecherei, die den Antichrist noch als wahrhaftige Macht und als reale „Individualität des Weltendes“ sehen wollte, hat sich bis zur Aufklärung erschöpft. Man redet katholischerseits noch von „dem Antichristlichen“ und der liberale Protestantismus sieht in dem ehernen Papst=Antichrist-Dogma noch den peinlichen Auswuchs seiner Flegeljahre (s. o.).[9] „Schließlich verschwand der Antichrist aus der allgemeinen Diskussion, denn er hört auf zu existieren, wenn er nicht mehr als selbständige und unterscheidbare Person oder zumindest Institution gefasst wird.“[10]

Natürlich gilt das nicht für all die „Unentwegten“, in den Sekten, und auch in den großen Konfessionen, durch die die Mahnungen – Gott sei dank! – bis heute nicht ganz verstummt sind.


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[1] Das Weltende, auf das man sich durch Jerusalem-Wallfahrten vorbereiten wollte, wurde 1000 Jahre (ein Millennium) nach der Geburt Christi erwartet, 1000 Jahre nach der Kreuzigung (1033) und auch dann, wenn Karfreitag wie am Rüsttag, dem Tag der Kreuzigung, auf das Fest Mariae Verkündigung fiel (1065); im Jahr 1068, da sich die Zerstörung des Tempels zum tausendsten mal jährte (eigentlich 1070), erwarteten einige Juden das Weltende (vgl. Hannes Möhring: Der Weltkaiser der Endzeit, 2000, S. 27). Bevor sich in der Karolingerzeit die Zeitrechnung nach der Geburt Christi (christliche Ära) durchzusetzen begann, war schon in den Jahren 500 (= 6000 nach der Ära des Hippolytos) und 800 (= 6000 nach der Ära des Eusebius) das Ende erwartet worden (vgl. die Bemerkung in V 14 über den Schöpfungsbeginn). Einen besonderen Schrecken erregte die Eroberung Jerusalems durch die Türken oder auch nur diesbezügliche Gerüchte. Sollte doch nach Offb 20,8-9 „an jenem Tage“ Jerusalem von Gog und Magog umringt und zertreten werden. Als in den letzten Jahren Friedrichs II. auch noch der Mongolensturm über Europa und Asien hereinbrach, musste dann endgültig die Apokalypse gekommen sein.

[2] Adso bringt in der kurzen Schrift neben der Lehre vom Antichrist noch die translatio-Lehre und die bereits in V 8 behandelte Friedenskaiser-Legende.

[3] Die ältesten Mythen der Menschheit wissen von einem „Kampf“ zwischen Gott und dem Widersacher, dem Drachen zu berichten: etwa im Bild des Drachen, der den Himmel stürmt und der im Judentum später zum bösen Engel Belial wird (vgl. Wilhelm Bousset: Der Antichrist. In der Überlieferung des Judentums, des Neuen Testaments und der alten Kirche. Göttingen 1895, S. 101, 107). Dazu kommt der Mythos vom Leviathan und Behemoth, den Ungeheuern, die als erstes und zweites Tier der Johannesoffenbarung wiederkehren, zusammen mit dem Satan als „Teuflische Dreifaltigkeit“ (vgl. „Die Mythischen Ursprünge der Gegenspielergestalten“, in: Josef Ernst: Die eschatologischen Gegenspieler, S. 251ff.). Der Antichrist ist eine irdisch-menschliche Ausführung des Widersachers, die vermenschlichte Schlange. Eine Tradition vom „Doppelten Antichrist“, der z. B. als Kaiser und als charismatische Figur erscheinen soll, geht letztlich auf die beiden Tiere der Offenbarung zurück.

[4] Der Leviathan gilt als verschnitten (kastriert), sein Weibchen gar als geschlachtet und eingesalzen für die Seligen im Himmel. Vgl. Menzel, Christliche Symbolik, Zweiter Teil, „Leviathan“, S. 26.

[5] S. H. Gunkel: Schöpfung und Chaos in Urzeit und Endzeit. Göttingen ²1921, S. 252.

Nach der Himmelfahrt des Jesaja hat Satan seinen Wohnsitz in der Luft und wird sein Regiment am Ende der Welt errichten, (s. Bousset, Der Antichrist, S. 100).

[6] Hoffmann-Krayer/Bächtold-Stäubli (Hrsg.): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Artikel ‚Antichrist’, Bd. 1, S. 479; Ernst: Die eschatologischen Gegenspieler, S. 53. In Hiob 40,26 hält Gott den Leviathan scheinbar an einem Ring. Der Fenrirwolf der nordischen Mythologie wird zuerst durch zwei schwere Ketten (die der Wolf mühelos zerreißt) und dann durch den magischen Faden Gleipnir gefesselt, oder als bestes Beispiel: Prometheus, der an den Fels des Kaukasus geschmiedet ist.

[7] Es gibt die Vorstellung von der Unförmigkeit oder Verwachsenheit des Armillus, des jüdischen Antimessias: Sein rechter Arm sei eine Handbreit lang, der linke aber zwei und eine halbe Elle (s. Bousset: Der Antichrist, S. 102).

[8] Demgegenüber spricht man auch vom „adventus Antichristi“; und deshalb findet sich ein einziges Mal im gesamten Kirchenjahr der Antichrist und das Weltende gerade im Advent, nämlich in der vierten Quatemberwoche nach dem Missale Romanum mit der Lesung 2 Thess 2 in Verbindung mit Dan 3.49-51 (die drei Jünglinge im Feuerofen).

[9] Hans Preuß, lutherischer Theologe, fordert in: Die Vorstellungen vom Antichrist, 1906, vom Antichriststoff (Anführung Trilling, S. 108) alles „Endgeschichtliche“ auszuscheiden, und doch den Kern der Sache beizubehalten: „schroffste Ablehnung des Papismus“, „das System müssen wir verwerfen“.

[10] Salaquarda, TRE III, S. 44, zitiert bei Trilling, S. 109.


Archaismus (ahistorisch)

Eine der radikalsten Auffassungen von Zeit kann man die ahistorische nennen. Tatsächlich: „Über einen beträchtlichen Zeitraum der Menschheit hat man sich mit allen Mitteln gegen die Geschichte gestemmt“, „gegen alles Neue und Unumstößliche, das die Geschichte mit sich brachte.“[1] Und noch bis in die Moderne, so erklärt Mircea Eliade, funktioniere das Gedächtnis des einfachen Landvolks mit völlig andere Strukturen als das unserer urbanen Zivilisation: alles Geschichtliche, seien es Ereignisse oder Personen, Gestalten, verflüchtigten sich nach wenigen Jahrzehnten in das Reich einer ewigen Gegenwart, das der Archetypen. Eliade nennt es den „Durst des Primitiven nach dem Ontischen“ (dem Seienden). Im Zyklus von Werden und Vergehen spiegeln sich die archaischen Neujahrsriten zur Vernichtung des jeweils vergangenen Jahres wider, und die Austreibungsriten gegen die Dämonen der Geschichte. Der Schamane hat die Möglichkeit, das Ziel, den Himmel, durch Ekstase zu erreichen, was gewöhnlichen Menschen in der gefallenen Welt, in der es keine Himmelsleiter mehr gibt, nurmehr durch den Tod möglich ist. Für den gefährlichen Durchgang, das Meistern der engen Pforte, die in die andere Welt führt, bedarf es jedoch Leichtigkeit und Schnelligkeit. Im Mythos gebraucht stehen diese Wörter immer für Erkenntnis und das bedeutet letztlich Initiation (vgl. Initiationsriten).[2]


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[1] Mircea Eliade: Kosmos und Geschichte. Suhrkamp, 1986, S, 62, 102.

[2] Mircea Eliade: Schamanismus und archaische Ekstasetechnik. Suhrkamp, 1982, S. 448.


Geschichtstheologie (jüd.-christl.)

Zum ersten Mal lässt sich im Judentum und Christentum im eigentlichen Sinne von Geschichte reden. Denn das uns heute so selbstverständliche Geschichtsbewusstsein war und ist überhaupt nur möglich durch die Begegnung und Bindung des jüdischen Volkes mit und an seinen Gott.[1] Aus dieser Erfahrung, dass Gott, der Weltenschöpfer, auch der Zeitenlenker ist[2], vom Paradies bis zum Weltgericht, kommt es zu einer Sinnentfaltung, welche die Zeit für den Menschen als eine begrenzte, einmalige und unwiederholbare erlebbar werden lässt, als das, was wir ‚Geschichte’ nennen. Als die bedeutendsten christlichen Geschichtstheologen stehen Augustinus für die alte Kirche und Bonaventura für die Kirche des Hochmittelalters, auch wenn Joachim von Fiore vielleicht wirkmächtiger war. Für die Alten ist das Christusereignis (Menschwerdung Gottes, Golgota) das einzige eschatologische (= endzeitliche) Datum. All das ereignete sich 5500 Jahre nach dem Sündenfall, im sechsten Äon, nach dem Typos des sechsten Schöpfungstages also dem letzten vor der Sabbatruhe. Das Ende der Welt war damit angebrochen: „omega revolvit ad alpha“ (Hieronymus), am Ende schließt sich der Ring zum Anfang zurück (Alpha = Omega). Die Kirche aber ist ein Blitz der Ewigkeit in die Zeit. Ihr Zeitalter, das als „Inkarnationsepoche“ mit Christus beginnt, ist bereits das Millennium (Augustinus). Aber seine Länge bleibt unbestimmt, flexibel; eine „Chiliadenrechnung“ verbietet man sich von kirchenoberlicher Seite (Ambrosius). Dass die Apokalypse kommt, ist hingegen sicher (eine Einsicht, die offensichtlich bei der Fortschrittsreligion ganz verdrängt wird: „Die Geschichte ist das Weltgericht“). Jedoch steht auch die endzeitfreudige Kirche je länger je mehr vor einem Erklärungsproblem: Aus der anfänglichen „Verzögerungszeit“ zwischen erster und zweiter Ankunft des Herrn („in fine temporum“: „Christus der Zeiten Ende“) sind schnell 1000 Jahre geworden („quasi in fine temporum“: „Christus quasi der Zeiten Ende“) und bei Bonaventura bereits 1200 Jahre – eine „Große Tausend“. Hier beginnt nun ganz folgerichtig eine Umprägung des alten Begriffes. Aus dem terminalen Ende wird die „Fülle der Zeiten“ (Gal 4,4) – und das, ohne der Sache Gewalt anzutun, denn was Christus gebracht habe, sei ja das schlechthin Endgültige.[3] Die christliche Jahreszählung Anno Domini hatte sich endgültig durchgesetzt. Aber Bonaventura ist schließlich derjenige, der die unausweichliche Konsequenz zieht: Christus wird zur „Mitte der Zeiten“ (aus Omega wird Null). Denn, so Joseph Ratzinger in seiner Habilitationsschrift: „Christus ist [dann] nicht mehr einfach das Teleos, in dem alles mündet, und in dem die Welt beendet und überwunden ist.“[4] Dann kann das Alpha = Omega aber auch nicht mehr in einem irgendwie zeitlichen Sinne auf Christus bezogen werden, sondern allein auf den ewigen Gott (Aleph = Taw). Es gibt nur ein Entweder-Oder. Hier stößt Bonaventura an seine Grenze. Ein Aleph = Alpha = Omega = Null bleibt ihm verborgen.


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[1] Vgl. Mircea Eliade: Kosmos und Geschichte, S. 123f.; Étienne Gilson: „Geht man auf das Letzte, dann unterscheidet sich die christliche Welt des heiligen Bonaventura von der heidnischen Welt des Aristoteles darin, dass sie eine Geschichte hat.“ (Der Heilige Bonaventura. Hegner, 1929, S. 271).

[2] Karl-Heinz Schwarte: Die Vorgeschichte der Augustinischen Weltalterlehre. Bonn 1966, S. 289f.

[3] Hans Urs von Balthasar, Theologie der Geschichte, S. 101.

[4] Alle in dem Abschnitt behandelten Gedanken aus Bonaventuras Hexaemeron finden sich bei Joseph Ratzinger: Die Geschichtstheologie des heiligen Bonaventura, EOS-Verlag, 1992 (Habil.-Schr. 1955), S. 144-148.


Katechon

(Der „Aufhalter“)

„Die einzige Folgerung, die Glaube und Hoffnung aus der Tatsache ziehen, dass diese Welt schon zweitausend Jahre lang weiterlebt, als wäre nichts geschehen, was den Bevorstand eines theologischen eschaton nahelegt, ist die, dass sich das Ende verzögert hat, und gerade deshalb noch kommen wird.“[1]


Mit dieser glasklaren Feststellung trifft der Skeptiker in religiösen Fragen, Karl Löwith, genau das Problem des Katechon und stellt den Christen zugleich seine Wichtigkeit und Unausweichlichkeit für ihren Glauben vor Augen. Trotzdem scheint der/das Katechon heute nur noch eine akademische Denksportaufgabe für Theologen und Philologen zu sein.[2]

Wir geben hier nun eine kurze Auflistung der haltbarsten Vermutungen darüber, wer oder was sich hinter dem Verzögerer verbergen könnte (ohne theologische Details)[3]:


a) Gott selbst. Das ist die theozentrische Deutung. So bekommt der Gerichtsprophet Habakuk auf seine Klagen eine Antwort von Gott persönlich (Hab 2,3): „Denn erst zu der bestimmten Zeit trifft ein, was du siehst; aber es drängt zum Ende und ist keine Täuschung; wenn es sich verzögert, so warte darauf; denn es kommt, es kommt und bleibt nicht aus.“

b) Eine geheime Engelsmacht, die hinter der Geschichte waltet (vgl. Erster Korintherbrief 2,6; 15,22-25).

c) Das Römische Reich (das Katechon), der römische Kaiser (der Katechon). Das ist die weitverbreitete staatstheologische Deutung, als natürliche Konsequenz der Vier-Reiche-Lehre. Carl Schmitt dazu: „Jeder große Kaiser des christlichen Mittelalters hat sich mit vollem Glauben und Bewusstsein für den Katechon gehalten, und er war es auch. Es ist gar nicht möglich, eine Geschichte des Mittelalters zu schreiben, ohne dieses zentrale Faktum zu sehen und zu verstehen.“[4] Dennoch bleibt über dem Reich immer der Zwiespalt von Gut und Böse bestehen: das Reich als Bewahrer der Ordnung und das Reich als das Tier der Apokalypse.[5]

d) Die römische Kirche. Thomas von Aquin sieht eine spirituelle Übertragung der aufhaltenden Macht vom antiken Rom auf die katholische Kirche. Dagegen für Luther ist dies ein „leeres Fündlein“ und Thomas Hobbes befindet in seinem Leviathan (1651): „Sie ist die Hexe, die auf dem Grabe des römischen Reiches sitzt.“[6]

e) Die Apostel (bzw. die Verkündigung des Evangeliums). Calvin argumentiert nach Mk 13,10, dass das Licht des Evangeliums erst über die ganze Welt verbreitet werden müsse, bevor Gott dem Satan freie Hand lasse: „Das war die Verzögerung, dass erst das Evangelium seinen Lauf vollenden musste.“[7]

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[1] Löwith, a. a. O., S. 187.

[2] Felix Grossheutschi: Carl Schmitt und die Lehre vom Katechon. Duncker & Humblot, Berlin 1996, S. 56.

[3] Einen Überblick über die Katechon-Problematik findet man bei Grosheutschi oder Josef Ernst: Die Eschatologischen Gegenspieler in den Schriften des Neuen Testaments. Pustet, 1967, S. 48-57; Trilling: Der Zweite Brief an die Thessalonicher, S. 94-105 ist weiterhin eine gute (theologische) Quelle, allerdings etwas voreilig im Urteil: „Ein insgesamt peinliches Kapitel, das jedoch als Abgesang den Irrweg der naiv-dogmatischen, wie auch der weltgeschichtlich-aktualisierenden Auslegungstradition um so klarer hervortreten lässt.“

[4] Grossheutschi, S. 77. Darunter fällt natürlich auch der Friedenskaisergedanke bei Barbarossa und Heinrich VI. (s. V 8). Noch Karl V. sieht sich selbst in der Rolle des Katechon und Friedenskaisers (vgl. Luise Schorn-Schütte: Karl V. Kaiser zwischen Mittelalter und Neuzeit, C. H. Beck Wissen, 2000, S. 28, 52). Die Staats-Deutung, dominierend bis zum Untergang des Reiches 1806 (s. Vier-Reiche-Lehre), findet aber auch danach noch prominenten Zuspruch: „Zum mindesten wissen wir aus der Prophezeiung, dass das gegenwärtige Fachwerk der Gesellschaft und der Regierungen, soweit sie römische Mächte repräsentieren, das ist, was aufhält, und der Antichrist das ist, was sich erheben wird, wenn diese Zurückhaltung wegfällt.“ (Henry Newman: Der Antichrist nach der Lehre der Väter, zitiert bei Trilling, S. 101). Über allen erhaben wieder der Besserwisser Trilling (S. 102): „Eine Beziehung der aufhaltenden Macht auf den römischen Staat muss als ganz fernliegend und exegetisch abwegig gelten.“

[5] Schon die Kirchenväter sind in ihrer Meinung über das Römische Reich gespalten: staatskritisch ist etwa Hippolyt, staatsbejahend Laktanz und Irenäus. Vgl. Trilling, a. a. O., S. 99.

[6] Trilling, a. a. O., S. 100.

[7] Zitat bei Grossheutschi (S. 55), aus Calvin: Auslegung der Heiligen Schrift in deutscher Übersetzung. Bd. 13. Die kleinen Paulinischen Briefe. Neukirchen, S. 386. Vgl. 2 Petr 3,9. Anders herum gewendet sieht Erik Peterson den Katechon in den Juden, die sich erst zum Evangelium bekehren müssten (Theologische Traktate, S. 413).


Linearismus (Fortschrittsglaube)

Die Vorstellung von einem linearen Fortschritt der Geschichte findet sich besonders seit dem 17./18. Jahrhundert (z. B. bei Lessing, Kant, Hegel, Comte) und lebt in dem Grunddogma einer durch Säkularisation erreichbaren Höherentwicklung von Vernunft und Moral noch in der Moderne als vulgärer Fortschrittsglaube weiter. Der Linearismus ist der Gegenpol zum christlichen Harren auf den Tag der Herrn, nämlich der Versuch, die Geschichte durch Geschichte zu vollenden. Als der eigentliche Vater der neuen Fortschrittsreligion gilt indes der im 12 Jahrhundert lebende kalabreser Abt Joachim von Fiore, auch wenn dieser selbst noch alles von Gott und nichts von den Menschen erwartet hatte. In der Osternacht hat Joachim das entscheidende Erleuchtungserlebnis: Das von Christus schon als nah verkündete und von der Kirche im sechsten Zeitalter der Heilsgeschichte mühsam verwaltete Reich Gottes wird sich nun endlich hier in der Welt in concreto verwirklichen, in einer wahren Freudenzeit des Geistes und der Spiritualität. Unter dem Ewigen Evangelium, welches das Neue Testament (Zeitalter des Sohnes) ablösen werde, wie dieses einstmals das Alte Testament (Zeitalter des Vaters) abgelöst habe, werde die Christenheit nunmehr ein vollkommenes Bewusstseinsstadium erreichen. Der Zukunftskirche des Dritten Reiches, die ohne Kleriker auskommen werde, gehe ein Neuer Orden (Novus Ordo) der „geistlichen Intelligenz“ voraus (um dessen Errichtung in der Folge Joachims ganzes Denken kreist) sowie eine von Gott gesandte Führergestalt, der dux novus de Babylone[1], universalis sanctus pontifex novae Jerusalem und angelus ascendens ab ortu solis.


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[1] D. h. „der Führer aus der Babylonischen Knechtschaft heraus“; vgl. Dempf, a. a. O., S. 277.


Materialismus (Historischer)

Die materialistische Geschichtsauffassung enthält ähnlich der linearistischen Fortschrittsidee einen polaren Gedanken, doch ist sie rhythmisch, nicht linear: ein Zykel. Wesentlich für Marx ist seine dialektische Erkenntnis, die an einen allgemeinen Fortschritt gar nicht denken lässt: die Menschheit wird Herr in der Natur, aber der Mensch wird Sklave des Menschen. Die marxistische Lösung ist also ein Heilsrhythmus[1]: von einem heilen Anfangszustand, dem mit dem Garten Eden vergleichbaren „Urkommunismus“ ausgehend kommt es zunächst zum Fall. Die Erbsünde der Ausbeutung haftet dem Menschen von nun an als „das radikale und alles infizierende Böse“. Das Übel gipfelt sich bis zum vollendeten Kapitalismus auf. Das Proletariat als das auserwählte Volk kann jedoch die kapitalistische Illusion durchschauen, da es selbst von der Sünde der Ausbeutung frei ist.[2] Hier bricht, wie in dem kommunistischen Manifest vorausgesagt, die „Apokalypse“ mit der Revolution herein. Denn im Blutrausch müssen alle erkennen: Die Geschichte ist das Weltgericht![3] Im Sozialismus wird sich der Mensch nach seinem eigenen Bilde neu schaffen.[4] Dann werden Wolf und Lamm beisammen liegen und das Problem der Ausbeutung, bisher die durchgehende Konstante der Geschichte, wird sich in Wohlgefallen auflösen, im Paradies des Kommunismus[5]. Der Marxismus ist die Gegenstrophe des Christentums – ein Anti-Christentum oder „Barabbas-Religion“[6]. Im orthodoxen Marxismus gilt das Christentum als die Religion des Kapitalismus, dessen Erledigung die Voraussetzung für die Selbstermächtigung des marxschen Übermenschen ist.


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[1] Vgl. die Feststellung vo Karl Löwith: Der historische Materialismus ist Heilsgeschichte in der Sprache der Nationalökonomie.“ (a. a. O., S.48).

[2] Man nennt das eine Standpunkt-Theorie (in diesem Falle der Proletkult). Verwandt damit ist die neuere Vorstellung, durch das Schlucken einer roten Pille ein epiphanisches Erwachen erleben zu können.

[3] Das berühmte Verdikt stammt von Hegel. Dieser spricht in dem Zusammenhang auch von der „List der Vernunft“, welche ein funktionales Äquivalent zur „Vorsehung Gottes“ sein sollte. Dasselbe Vertrauen auf die unsichtbare Hand in der Geschichte findet sich bei Marx: „Wir für unseren Teil misskennen den schlauen Geist nicht“. Die Göttin „Historische Notwendigkeit“ tritt dabei an die Stelle Jahwes. Auch Engels glaubt an die „Offenbarung der Geschichte“. Sie ist für ihn „Eins und Alles“ (vgl. Löwith, a. a. O., S. 41, 51). Es ist trotzdem zweifelhaft, ob einer der beiden an das Aleph geglaubt hätte.

[4] Frei nach Vere Gordon Childe – „man makes himselfe“ – verkündigte Walter Ulbricht die „Zehn Gebote für den neuen sozialistischen Menschen“, die 1963 in das Parteiprogramm der SED aufgenommen wurden.

[5] Friedrich Engels ruft 1842 in Erwartung des Marxschen Millenniums den Dschihad aus: „Das ist unser Beruf, dass wir dieses Grals Tempeleisen werden, für ihn das Schwert um die Lenden gürten, und unser Leben fröhlich einsetzen in den letzten, heiligen Krieg, dem das tausendjährige Reich der Freiheit folgen wird.“ („Schelling und die Offenbarung“, in: Marx/Engels, Gesamtausgabe, Erste Abt., Bd 2, S. 226f.)

[6] ‚Bar-abbas’ bedeutet ‚Sohn des Vaters’. Das ist nichts weniger als der Anspruch Christi. Barabbas war Revolutionär, ein Volksheld der Armen. Er war der Anti-Christus.


Millennium

(Tausendjähriges Reich)

In der Johannesoffenbarung erfahren wir von einem letzten Tausendjährigen Friedensreich auf Erden. Nach der Schlacht von Armageddon (16,16) und dem Sieg über das Tier und seinen Propheten (19,11-20) werden die Gerechten auferstehen (erste Auferstehung) und der Drache wird gefesselt sein für tausend Jahre (20,1-6). Nach tausend Jahren wird er freigelassen, um (mit Gog und Magog) auf ewig vernichtet zu werden (20,7-10). Hierauf wird das Endgericht folgen und die Bestrafung der Gottlosen im Feuersee (zweiter Tod) (20,11-15). Haben noch viele der frühen Christen an das chiliastische Reich und die in der Offenbarung geschilderten Ereignisse wörtlich geglaubt, so kam es durch Augustinus zu einer Umdeutung im geistig-symbolischen Sinne: Für die folgenden 1500 Jahre wurde die Vorstellung einer realen 1000-jährigen Friedensherrschaft auf Erden mehr oder weniger offiziell verworfen: man spricht vom Amillenniarismus. Allerdings war damit über diese doch viel tiefer im Unbewussten der Menschheit schlummernde Hoffnung mitnichten das letzte Wort gesprochen. So musste die Idee unter je anderen Vorzeichen neu begegnen, etwa als das „Zeitalter des Geistes“ der Joachiten und Mystiker des Mittelalters, als das „Goldene Zeitalter“ für die Humanisten der Renaissance, als das herbeigezwungene „Täufer-Paradies“ für die Radikalen der Reformation, als das „Reich Gottes“, welches alles Böse auf Erden verzehren wird, für die religiös „Erweckten“ im jungen Amerika, als das „Vernunftreich“ der Aufklärer, das säkulare Millennium, schließlich als Tausendjähriges Reich der Nazis und als „klassenlose Gesellschaft“ der Kommunisten. Im klassisch christlichen, chiliastischen Verständnis gibt es zwei gegensätzliche Standpunkte: 1) es kommt zuerst das Tausendjährige Reich und dann die Wiederkunft Christi (Postmillenniarismus) oder 2) das Reich beginnt erst mit Christi Wiederkunft (Prämillenniarismus). Die erste Sichtweise ist, jedenfalls dann, wenn man das Millennium nicht ganz wörtlich (konkretistisch) versteht, mit dem Amillenniarismus recht gut vereinbar und war deshalb seit altchristlicher Zeit bis über das erste Jahrtausend hinweg, als sie dann zunehmend in Frage gestellt wurde, dominant (diese Millenniumsproblematik haben wir schon in Vorlesung 15 angeschnitten). Der Postmillenniarismus findet heute bei den meisten Evangelikalen jedoch wenig Zuspruch: zu optimistisch, zu papistisch ist er, wenn er behauptet, das Reich Gottes würde sich in der Kirche seit Kaiser Konstantin verwirklichen (Was ist mit Mohammed und dem Papsttum? Hätten sie erscheinen dürfen, wenn der Teufel doch gefesselt war?). Durch die Prediger Darby und Scofield gefördert, verbreitet sich dagegen der Prämillenniarismus seit dem 19. Jahrhundert vor allem im evangelik-freikirchlichen Amerika massiv. Zuvor wurde er u. a. durch eine Schrift des chilenischen Jesuiten Manuel Lacunza (†1801) im katholischen Südamerika wiederbelebt. Die katholische Glaubenskongregation erklärte 1944, dass auch dieser „gemäßigte Millenniarismus“ nicht sicher gelehrt werden könne.[1]

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[1] Frage: Was sollen wir von dem System des gemäßigten Millenniarismus halten, das lehrt, dass Christus, unser Herr, vor dem letzten Gericht, dem die Auferstehung mehrerer Rechtschaffener vorausgeht oder nicht, sichtbar auf unsere Erde kommen wird, um dort zu herrschen? Antwort (bestätigt durch den Papst am 2. Juli): Das System des gemäßigten Millenniarismus kann nicht sicher gelehrt werden. Denzinger-Schönmetzer: Enchiridion Symbolorum Definitionum et Declarationen, Num. 3839 (Decr. S. Officii, Pius XII, 19. (21.) Iul. 1944).


translatio imperii

Die Vorstellung, dass unsere Geschichte durch eine Kette sich ablösender Weltreiche in schicksalhafter Weise vorherbestimmt sei, hat ihren Ursprung im Alten Orient. Gegenstand einer „Prophezeiung“ sind in diesem Fall also nicht abstrakte Zeitperioden, wie wir sie von der heute üblichen Periodisierung Antike–Mittelalter–Neuzeit her kennen, sondern eine profane Abfolge von Herrschaftsgeschlechtern. Ausgesprochen einflussreich war hier die sogenannte „Dynastische Prophezeiung“ (300 v. Chr.), deren Abwandlung auch im zweiten Kapitel des Buches Daniel zu finden ist, dort verschmolzen mit einem weiteren Mythos, dem Metallmythos, und die schließlich zu der „verbindlichen“ Abfolge der vier Weltreiche der Babylonier (Assyrer), Perser, Griechen und Römer führte. Die Reiche bilden einen Abstieg von edel bis schlecht (oder: von Gold über Silber, Bronze bis Eisen), und der Adressat der Prophezeiung findet sich in der Regel unter der schlechtesten Herrschaft wieder. Die Verheißung eines neuen Goldenen Zeitalters (s. Vergils vierte Ekloge) verweist auf die in der Antike und besonders in Indien verbreitete Idee des kosmischen Kreislaufs und einer damit verbundenen unendlich-zyklischen Zeit – etwa im hinduistischen Vier-Zeiten-Zyklus (mahâ-yuga), der die Metalle nur durch Farben ersetzt.[1] Dagegen ist die Heilsgeschichte eine endlich-zyklische Zeit, die einen einzigen Zyklus zwischen zwei „Goldenen Zeitaltern“ vollzieht, von Schöpfung und Paradies bis zu der „Neuen Erde“ und dem „Neuen Himmel“ (Jes 65,17).

Dass das Ende des Römischen Reiches gleichzeitig das Ende der Welt bedeuteten musste, war für die Christen schon Gewissheit (z. B. bei Hippolyt, De Christo et Antichristo, c. 25), bevor Hieronymus in seinem Danielkommentar die Gleichsetzung des vierten und letzten Reiches mit Rom quasi dogmatisch festlegte. Da aber in der frühchristlichen Meinung Rom je länger desto mehr von der antichristlichen Bedrohung zu einer Friedensmacht wurde, für deren Weiterbestand man beten müsse, gleichzeitig die Endzeitbegeisterung keine Mehrheit fand, wurde auch für die Christen aus dem römischen Endreich schließlich das ewige Rom: Das ist die Idee der translatio imperii, des weiterlebenden Imperiums, und des Weiterbestehens seiner Würde in den Kaisern des Heiligen Römischen Reichs, die Grundlage der Herrschaftskonzeption bis zum Ende des Mittelalters. Leo von Vercelli, Berater Kaiser Ottos III., des Erneuerers Roms, greift in einem Gedicht im Jahr 999 zu einem Daniel-Vergleich gegenüber seinem Herrscher: „Babylon und Griechenland fürchten den Kaiser und dienen ihm.“[2] Das Imperium war längst von den griechischen Basileis über Karl den Großen auf die Deutschen übergegangen. Otto von Freising, der „offizielle“ Geschichtsphilosoph des Mittelalters, legt gegen Mitte des 12. Jahrhunderts eine Weltchronik in acht Büchern als eine Kaskade aus sieben Reichsunter- und übergängen vor, wo endlich, jetzt unter der Herrschaft der Deutschen stehend, das „von den Heiden für ewig, von den Unseren fast für göttlich gehaltene römische Reich“ in das Jüngste Gericht ausmündet.[3]

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[1] Mircea Eliade: Kosmos und Geschichte. Suhrkamp, 1986, S. 126f.; Mahâbhârata III, 12,826.8.

[2] Percy Ernst Schramm: Kaiser, Rom und Renovatio. WBG, Darmstadt 1962, S. 123.

[3] Alois Dempf: Sacrum Imperium, S. 247-251; das Werk heißt Chronica sive Historia de duabus civitatibus und Otto von Freising wollte damit Augustinus’ De civitate Dei fortsetzen. Dies ist ein Beispiel dafür, wo die beiden Schemata (7-Tage- und translatio-Modell) miteinander verschmolzen wurden. Ein anderes Beispiel ist Charions Chronik, die später zu einer Durchhalteschrift für die Reformation umgeschrieben wurde. Der dritte Äon der Drei-Zeiten-Lehre fällt hier mit dem Römischen und dem Heiligen Römischen Reich als vierte Monarchie zusammen und sollte bis zum Jahr 2000 dauern.

Zyklentheorie (Kultur)

Ein zyklisches Geschichtsverständnis ist in weiten Teilen der vorchristlichen Antike vorherrschend.[1] Diesem zugrunde liegt eine eher pantheistische Kosmos-Vorstellung; es gilt das ewige Gesetz des Stirb und Werde. Einen kosmischen Zyklus auf astraler Grundlage bildet etwa das Platonische Jahr. In der frühen Römischen Republik kam der Glaube an ein Großes Jahr von zunächst 120, dann 1200 Jahren auf, bevor unter den Kaisern dann das Ewige Rom (pax aeterna) verkündet wurde. Bei Arnold Toynbee (†1975) ist die Vorstellung eines unentwegt arbeitenden Weberschiffchens[2] christlich verbrämt, bei Nietzsche die Idee der Ewigen Wiederkehr unverbrämt antichristlich. Wo die Zyklusvorstellung jedoch in der westlichen Neuzeit auftritt (z. B. bei Vico), dort meist unter dem Bild der Spiralbewegung („Aufwärtsspirale“) und nicht in der Reinform. Diese kennt im wesentlichen zwei Varianten. In beiden Fällen gibt es einen Abstieg von einem goldenen in ein eisernes Zeitalter (Decrescendo) und eine Wiederkehr des Goldenen Zeitalters. Der Unterschied besteht in Art und Umständen dieser Wiederkehr. Der Übergang von Eisen zu Gold kann 1) durch eine metastasis geschehen, d. h. durch den plötzlichen Einbruch eines intervenierenden Moments (das ist das Eingreifen der göttlichen Macht in die Geschichte, oft katastrophal verstanden als eine globale Vernichtung, Ekpyrosis oder Kataklysmos genannt; vgl. V 14), oder 2) durch metakosmesis[3], d. h. durch stetige Erneuerung nach einem kosmischen Kreislaufgesetz, ohne Bruch oder Katastrophe.

Eine heute verbreitete Variante des zweiten Typus ist durch den indischen Guru Sri Yukteswar (†1936) aufgekommen. Der Zyklus ist, wie in dessen Hauptwerk Kaivalya Darsanam („Die Heilige Wissenschaft“) beschrieben, ein zweigeteilter. Er besteht aus einem Decrescendo von Gold zu Eisen und einem Crescendo von Eisen zu Gold, die miteinander verschmolzen sind, d. h. wir haben in Zenit und Nadir des Zyklus jeweils zweimal Gold bzw. Eisen nebeneinander. Die erste Variante zeigt sich etwa im traditionellen hinduistischen Yuga-Zyklus (mahâ-yuga). Sie findet aber geradezu ihre Vollendung durch den römischen Dichter Vergil. Dessen berühmte vierte Ekloge aus den Bucolica (Hirtengedichte) geht auf eine Prophezeiung der Sibylle von Cumae zurück und kommt ohne kosmische Katastrophe aus. Vielmehr wird ein göttlicher Knabe als Heilsbringer erwartet („Schon wird neue Nachkommenschaft vom hohen Himmel gesandt“), welcher dem Eisernen Zeitalter ein Ende bereiten und der Herrschaft des Saturn als dem neuen Goldenen Zeitalter den Weg bahnen werde: „und die große Abfolge der Zeitalter beginnt von Neuem“.


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[1] Wilhelm Kamlah weist darauf hin, dass entgegen der landläufigen Meinung auch bei den antiken Griechen neben dem zyklischen Geschichtsbild durchaus der Fortschrittsgedanke vorhanden war (Utopie, Eschatologie, Geschichtstheologie, B. I. Hochschultaschenbücher, 1969, S. 38, Fußnote).

[2] „Doch das Weberschiffchen, das rückwärts und vorwärts über den ebstuhl der Zeit in einem ewigen Hin und Her schießt, bringt in all dieser Zeit einen Gobelin hervor, auf dem es offensichtlich eine sich entwickelnde Zeichnung gibt, und nicht eine endlose Wiederholung desselben Musters.“ (Toynbee, a. a. O., S. 252).

[3] Die Vorstellung ist neu-pythagoreisch. Vgl. Mircea Eliade: Kosmos und Geschichte. Der Mythos der ewigen Wiederkehr. Suhrkamp, 1986, S. 147f.